LLP-Roman – Technische Fragen

Platz für alles Mögliche an Überlegungen zum LLP, zum Schreiben, zur technischen Vorgehensweise etc.
Benutzeravatar
Steffi
Beiträge: 368
Registriert: Freitag 12. Juni 2020, 10:22

LLP-Roman – Technische Fragen

Beitrag von Steffi »

Ihr macht mir echt den Mund wässrig. 😎 Jetzt sind es ja quasi noch exakt sechs Monate bis zum Abgabetermin. Also habe ich jetzt mal meine Sachen aus dem Forum rausgekramt, sprich: Gwen Hayes.

So, wie Du das im ursprünglichen Schreibforum eingestellt hattest, Ruth, müsste ich also mit dem Vorstellen von H1 anfangen, :

Phase 1 – Set-up

Der erste Beat in Gwen Hayes Anleitung (Einführung H1) wäre:

• Stell deine Protagonistin in einer Art vor, die sie unwiderstehlich macht.
• Zeig ein Stück des Lebens deiner Protagonistin, aber deute gleichzeitig auf ein Problem hin.
• Führe das äußere Ziel deiner Protagonistin ein.
• Zeige oder deute an, was deine Protagonistin braucht.

Was macht eine Protagonistin unwiderstehlich, habe ich mich so gefragt. Meine Vorlage ist ja Gabrielle aus Xena, und ich habe lange nach einem Namen gesucht und festgestellt, dass der Name Mackenzie um das Jahr 2000 herum für Mädchen in Kanada sehr populär war. Ich wollte meine Geschichte in Kanada spielen lassen, also habe ich nach kanadischen Namen gesucht.

Und da Kanada viele Französisch sprechende Einwohner hat, dachte ich, ein französisch klingender Nachname wäre gut. Einer der häufigsten französischen Nachnamen in Kanada ist Thibault, also heißt ›Gabrielle‹ jetzt Mackenzie Thibault. Aber da Mackenzie ein bisschen sperrig ist, habe ich das abgekürzt zu Kenzie. Kenzie Thibault.

Mir gefällt der Name, und er macht Kenzie schon fast unwiderstehlich, aber das reicht natürlich nicht.

Ich zitiere mich mal selbst mit dem, was ich damals geschrieben habe (habe ich mir alles damals schon runtergeladen, damit nichts verlorengeht):

Kenzie ist Eine junge Frau, die Träume hat, an denen sie gehindert wird. Sie sehnt sich nach Freiheit und Abenteuer, aber sie hat ein sehr normales, eher langweiliges Leben.

Ihr momentaner Status ist: Sie hat gerade ihre Collegeausbildung abgeschlossen und hat ihren ersten Job.

Dieser Job ist jetzt ein Stück ihres Lebens, aber wie verlangt, deute ich auch mal auf das Problem hin: Sie merkt schon sehr schnell, dass das nichts für sie ist. Die Firma erwartet von ihr, dass sie ständig zur Verfügung steht. Auch alle anderen finden das völlig normal. So etwas wie Feierabend gibt es praktisch nicht.

Kenzies äußeres Ziel ist, ein zufriedenes Leben zu führen. Ein Leben, das sie erfüllt, das vielleicht ihren Träumen eine Chance gibt. Dass sie vielleicht sogar jemanden findet, der diese Träume mit ihr teilt. Die Erfüllung dieses äußeren Ziels ist am Anfang der Geschichte weit entfernt.

Was Kenzie braucht, ist eine gewisse Art von Freiheit, die für sie nicht vorgesehen ist. Sie soll arbeiten, Geld verdienen, Kinder kriegen, ein Haus bauen. Wenn das ihr persönliches Glück wäre, wäre alles in Ordnung. Aber möglicherweise hat sie andere Vorstellungen von ihrem persönlichen Glück.

Dann müsste es am Anfang vielleicht eine Szene geben, wo Kenzie sich für eine Kollegin einsetzt, die pünktlich nach Hause gehen will, obwohl der Chef noch kurz vor Feierabend kommt und will, dass sie länger bleibt. Sie sagt, sie muss nach Hause wegen ihrer Familie, ihrer Kinder. Er will das nicht akzeptieren. Sie hat gefälligst Tag und Nacht für die Firma da zu sein, Privates interessiert nicht. Er bedroht sie vielleicht sogar mit Kündigung.

Da schreitet Kenzie ein, kann aber eventuell auch nichts erreichen. Und vielleicht sagt die Kollegin sogar noch zu ihr, sie hätte sich nicht einmischen sollen, das ginge sie nichts an. Und man könne ja sowieso nichts ändern. Sie braucht den Job. Gerade auch wegen ihrer Familie. Also bleibt sie länger, obwohl es sehr schwierig für sie ist, alles unter einen Hut zu bringen.

Kenzie wünscht sich jemanden, der sich gegenüber all diesen Sachen durchsetzen, sie vielleicht sogar ändern kann.

---

Das wäre so ungefähr meine Vorstellung von Kenzie. Was meinst Du, Ruth? Könnte ich das so machen? Ich weiß, Du hattest im Forum schon gesagt, dass das im Prinzip okay ist, aber ich fange jetzt ja quasi noch mal neu an. Könnte ja sein, dass Du heute anderer Meinung bist. 😉
Benutzeravatar
Ruth
Administration
Beiträge: 5855
Registriert: Montag 4. Oktober 2010, 09:01

Re: LLP-Roman – Die Charaktersuche

Beitrag von Ruth »

Nein, ich bin nicht anderer Meinung, Steffi. 😉 Das hat sich überhaupt nicht geändert. Aufgrund Deines Artikels gestern bin ich noch mal in die Forumsdatenbank gegangen und habe mir die Sachen aus dem Brainstorming zu dieser Geschichte angeguckt. Dabei habe ich mich dann wieder erinnert, dass „Gabrielle“ nie so wirklich das Problem war. Das viel größere Problem ist Sydney.

Gabrielle beziehungsweise Mackenzie ist eine Figur, mit der man sofort in Kontakt kommen kann. Sie hat keine Geheimnisse, ist wie ein offenes Buch. Man weiß sofort, mit was für einer Art von Charakter man es hier zu tun hat.

Dann kommt Sydney und ist so ziemlich das Gegenteil. Sie besteht nur aus Geheimnissen, nichts an ihr ist offen oder einladend. Sie darf sich nicht öffnen, weil das sie selbst und eventuell auch Personen ihrer Umgebung in Gefahr bringen könnte. Aber nicht nur darf sie das nicht, sondern sie will es auch nicht. Ihr Charakter bleibt im Dunkeln.

Und da hatten wir uns damals darüber unterhalten, ob das mit der Methode von Gwen Hayes überhaupt geht. Beziehungsweise ich habe das bezweifelt. Da bin ich mittlerweile tatsächlich anderer Meinung. 😎 Denn obwohl ich das gar nicht vorhatte, habe ich mich dann zum Schluss bei Miryam auch dafür entschieden, mit zwei Perspektiven zu arbeiten. Und das geht, auch wenn man nicht zu viel verraten will.

Für mich war es ziemlich gewöhnungsdürftig, aber viele Autorinnen haben das ja schon immer gemacht. Lange Zeit war mir das sehr fremd, mittlerweile denke ich aber, dass es wahrscheinlich die modernere Art zu schreiben ist. Man muss nur sehr aufpassen, dass man wirklich nicht zu viel über den zweiten Charakter verrät.

Deshalb würde ich sagen, beschäftige Dich jetzt sehr intensiv mit Sydney, schreib ihre Biographie, versuch richtig, in ihren Charakter einzusteigen. Die Eingangsszene mit dem Motorrad, die Du schon im Forum geschrieben hattest, ist sehr schön, daran würde ich nichts ändern, aber mach Dir Gedanken darüber, wo Sydney jetzt gerade herkommt und wo sie hinwill. Auf welchem Weg sie ist.

Das geht ein bisschen in Richtung des mythischen Waldes. An welcher Stelle ihrer „Heldenreise“ durch den mythischen Wald ist Sydney, bevor Mackenzie und sie sich treffen? Ist Kenzie sozusagen die erste „Verbündete“, oder gibt es noch andere? Wer sind die Feinde? Was ist Sydneys Quest oder Suche? Wonach strebt sie? Was muss sie finden, damit diese Suche beendet ist?

Ein Quest ist ja nicht nur eine Suche nach etwas Konkretem, wie bei einer Schatzsuche, sondern es ist immer auch eine Identitätssuche, eine Sinnsuche. So ein bisschen wie ein heiliger Gral, von dem man aber nicht genau weiß, was es ist. Das weiß man erst, wenn an ihn gefunden hat. Wenn man aber nach etwas sucht – oder sogar denkt, man sucht gar nicht, was ich mir bei Sydney auch sehr gut vorstellen könnte –, von dem man gar nichts weiß, dann ist die Suche schwierig.

Deshalb betrachtet Sydney Mackenzie zuerst einmal als Störfaktor. Will aber trotzdem was von ihr, sonst wäre es ja keine Liebesgeschichte. 😊

Umgekehrt ist Mackenzie, weil sie ja Gabrielle ist, natürlich sofort Feuer und Flamme für Sydney. Kenzie ist so beschützt aufgewachsen, dass sie sich gar nicht vorstellen kann, was Sydneys Problem ist, warum sie so zögert, wenn es um ein Näherkommen, um ein Öffnen, um Gefühle geht.

Und auch wenn Kenzie diese Frage am Anfang noch nicht beantworten kann, musst Du als Autorin sie beantworten können. Du musst wissen, was in Sydney vorgeht, auch wenn Kenzie es nicht weiß und sich auch nicht erklären kann. Wenn es sie immer wieder vor den Kopf stößt.
Benutzeravatar
Sina
Beiträge: 237
Registriert: Montag 29. Juni 2020, 15:47

Re: LLP-Roman – Ist der Konflikt spannend genug?

Beitrag von Sina »

Mit dem Geheimnis habe ich auch ein Problem bei dem Roman, den ich für den LLP einreichen will. Eine der beiden Figuren ist brutal ehrlich, will nicht lügen. Deshalb gibt es zwar am Anfang eine Art „Entdeckungsspiel“, wo sie noch nicht so richtig wissen, wer die andere ist, aber dann ist eigentlich sehr schnell alles klar.

Ich frage mich, ob das vielleicht zu wenig spannend ist. Obwohl sie dann natürlich schon einen Konflikt und völlig verschiedene Ziele haben, die sie danach verfolgen und was sie wieder auseinanderbringt. Ich frage mich, ob ich das Geheimnis, wer die andere ist, nicht länger bestehen lassen sollte.

Sie lernen sich kennen und schlafen miteinander, ohne zu wissen, dass die andere eigentlich ihre ärgste Feindin ist. Zumindest aber völlig andere Interessen verfolgt, die den eigenen entgegenstehen. Wenn die eine das bekommt, was ihr Ziel ist, muss die andere auf ihr Ziel verzichten, und wenn die andere das bekommt, was sie haben will, ist die eine die Gelackmeierte.

Wenn die eine also nicht wüsste, wer die andere ist und sie jeweils hinter dem Rücken der anderen Person handeln würden, wäre das nicht besser? Könnte das die Spannung erhöhen und den Konflikt auf die Spitze treiben? Sonst sind beide vielleicht zu nett zueinander, weil sie sich ja mögen.

Um zueinander zu kommen, muss eine von beiden quasi auf ihren Traum verzichten. Wenn sie böse miteinander wären, wäre das einfacher. So, wie es jetzt ist, versuchen sie schon jeweils ihr Ziel zu verfolgen, aber die Liebe kommt ihnen immer in die Quere und lässt sie mehr auf die jeweils andere Frau eingehen, als dass für einen Konflikt gut ist.

Da das Buch noch nicht fertig ist, könnte ich das alles noch ändern. Es gibt da zum Beispiel eine Szene mit einem Abendessen, wo sie über alles Mögliche sprechen und sich gut verstehen. Sie haben dann auch wieder Sex, und beide sind zusammen am selben Ort.

Danach muss eine der beiden gehen, fliegt woanders hin, und die andere, die zurückbleibt, hat Zweifel, ob die, die weggeflogen ist, nicht nur so nett zu ihr war, um sie dazu zu überreden, sich mit ihrem Ziel einverstanden zu erklären. Was dem der zurückgebliebenen Person absolut entgegensteht.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass die eine von der anderen abhängig ist. Ihr Job hängt daran, ob sie das Ziel, das sie erreichen möchte, erreichen kann. Die andere ist in gewisser Weise unabhängig.

Ich habe den Figuren noch keine Namen gegeben, deshalb ist es jetzt ein bisschen schwierig. Ich gehe da nach Gwen Hayes vor, und sie heißen bei mir im Moment erst einmal nur H1 und H2.

H1 will eine Beziehung, H2 nicht. Sie ist die brutal Ehrliche. Mir kommt es so vor, als wäre das als Konflikt zu wenig, wenn ich einen ganzen Roman daraus machen will. Für eine Kurzgeschichte würde es wahrscheinlich reichen.

Ich habe Dir den Ablauf nach Gwen Hayes mit meinen Gedanken dazu in Slack geschickt, Ruth. Was meinst Du? Wie soll ich da weitermachen? So, wie es jetzt ist, oder muss ich noch einen weiteren Konflikt erfinden?
Benutzeravatar
Ruth
Administration
Beiträge: 5855
Registriert: Montag 4. Oktober 2010, 09:01

Re: LLP-Roman – Konflikt versus Spannung

Beitrag von Ruth »

Grundsätzlich ist das schon okay, was Du da gemacht hast, Sina. Ich habe mir das jetzt einmal angesehen. Du hast das schön nach Gwen Hayes aufgeschlüsselt. Aber Du hast recht, es geht etwas zu schnell damit, dass H2 sagt, wer sie ist. In dem Moment ist richtig die Luft raus. Und zwar schon sehr früh, bevor die Geschichte eigentlich angefangen hat.

Diese Verschleierungstaktik, von der Du gesprochen hast, könnte da sehr viel mehr Spannung erzeugen. Und dann gibt es irgendwann einen großen Knall, als herauskommt, wer H2 wirklich ist.

Spannung ist vielleicht ein Begriff, der durchaus etwas verwirrend sein kann. Denn was ist eigentlich Spannung? Spannung entsteht auf jeden Fall durch Konflikt, aber nicht nur durch Konflikt. Spannung entsteht auch zwischen Personen, die sich gegenseitig anziehend finden, also das Gegenteil von Konflikt. 🙂 Eine Szene, in der sie nur miteinander flirten, kann sehr, sehr spannend sein. Insbesondere, wenn es dann nicht zum Sex kommt.

Dennoch kann man sicher grundsätzlich sagen, Spannung entsteht vor allen Dingen dann, wenn etwas passiert, innerhalb oder außerhalb der Person, die die Perspektive trägt.

Das Gegenteil von Spannung – also Langeweile – entsteht, wenn nichts passiert, wenn die Geschichte nur so vor sich hinplätschert, wenn alltägliche Dinge beschrieben werden, die jeder kennt und die niemanden aufregen. Das ist dann ungefähr so spannend wie eine Einkaufsliste zu lesen oder das Telefonbuch. 😎

Darüber wird oft vergessen zu reden. Wenn man von Spannungsbogen oder Spannungsaufbau spricht, definiert man nur einen Teil des Kuchens. Und man fängt beim zweiten Schritt an. Der erste Schritt ist, dass man erst einmal wissen muss, was Spannung ist, was Spannung bedingt.

Warum plätschern viele Geschichten einfach nur so vor sich hin? Warum schreibt eine Autorin so etwas überhaupt? Merkt sie denn beim Schreiben gar nicht, wie langweilig das ist?

Nein, tut sie nicht. Sonst würde sie es wahrscheinlich anders machen. 😉

Unser Leben ist grundsätzlich nicht auf Spannung angelegt. Das ist nicht unser Ziel. Unser Ziel ist eher Entspannung. Und mittlerweile ist das Leben in West- und Mitteleuropa nicht mehr grundsätzlich gefährlich. Wir leben so vor uns hin, gehen zur Arbeit, kommen nach Hause, sitzen vor dem Fernseher oder gehen unseren Hobbys nach, kümmern uns um unsere Familie, unsere Haustiere, unseren Garten . . . was auch immer.

Sprich: Das Leben ist grundsätzlich langweilig. Es springt nicht jede Minute unseres Weges zur Arbeit ein Löwe oder Tiger oder Bär oder Wolf auf uns zu und will uns zu seinem Frühstück machen. 🙂 Das ist auch gut so, aber das bedingt, dass wir kein wirkliches Gefühl für Spannung mehr entwickeln können.

Eventuell gibt es Konflikte mit Kollegen auf der Arbeit, mit der Familie zu Hause, bei jüngeren Menschen mit Schulkameraden oder Lehrern in der Schule, den etwas älteren Studienkollegen oder Dozenten an der Uni oder dem Meister im Betrieb, wenn man einen Beruf lernt, aber das alles ist nicht die Art Spannung, die man direkt sieht, die direkt mit aufsehenerregenden Aktionen verbunden ist.

Früher – sagen wir mal noch im 19. Jahrhundert oder auch in Teilen des 20. – war die Welt eine wesentlich grausamere. Keine Entspannung vor dem Fernseher, sondern ein Überlebenskampf. Jeden Tag.

Solche Dinge können wir heutzutage kaum noch erleben, weil unsere Welt eine viel bequemere ist. Es gibt noch einige Berufe, die gefährlich sind, aber für die meisten Menschen plätschert das Leben tatsächlich tagein, tagaus nur so vor sich hin, mit Höhen und Tiefen, das durchaus, aber meistens nicht in einer lebensbedrohenden, einer existenzbedrohenden Form.

Wenn man beschreibt, wie jemand zur Arbeit kommt, sich mit Kollegen unterhält, vom Wochenende erzählt, Bilder seiner Kinder oder Hunde oder Katzen rumzeigt. das ist das alltägliche Leben. Deshalb ist es langweilig.

Wenn aber jemand aus seinem Alltag gerissen wird – selbst wenn das nur gefühlsmäßig ist wie in einem Liebesroman, in dem plötzlich jemand den Raum betritt, den man noch nicht kennt, und das Herz schlägt schneller –, dann beginnt die Spannung zu steigen.

Ein Spannungsbogen entsteht, wenn man solche Dinge dann langsam steigert, wie in einem Lego-Turm immer noch einen Stein draufsetzt, bis all diese Ereignisse, die aufeinandergestapelt wurden, nur noch in einer Explosion enden können. Das ist wie die Spannung in einem Film, wenn eine Bombe tickt und man sieht die Uhr rückwärts laufen. Es wird immer enger und enger, bis die Katastrophe eintreten muss.

Wenn die Bombe keine Bombe wäre, sondern nur eine Uhr, die tickt oder rückwärts läuft, würde das keine Spannung erzeugen. Das wäre wie unser Alltag. Die Zeit schreitet voran, aber es passiert nichts. Und wir erwarten auch nicht, dass etwas passiert.

So darf es in einer Geschichte niemals sein. Es muss immer etwas passieren, innerlich oder äußerlich, und die Zeit muss wie in einen Kokon gepresst werden, aus dem dann zum Schluss der Schmetterling entschlüpft. 😊

Eine Verschleierungstaktik ist natürlich genau das: der Kokon, der von außen ganz harmlos aussieht, in dem sich aber innerlich etwas entwickelt. Und zwar in diesem Fall kein Schmetterling, sondern eine Bombe. Die Wahrheit kommt immer ans Licht, sagt man, und Lügen können meistens nicht bis zum Nimmerleinstag aufrechterhalten werden. Sie müssen platzen.

Also bis zum Midpoint of Love – nach Hayes – scheint es so, als ob alles in Butter ist, zumindest für Deine H1, die Leserin weiß dann ja schon mehr, aber dann wird alles auf den Kopf gestellt, indem herauskommt, dass das nicht die Wahrheit war, dass es ein großer Gefühlsbetrug ist.

Mittlerweile muss sich bei H2 natürlich auch etwas entwickelt haben, denn sonst könnte sie ja einfach mit ihrem bösen Spiel weitermachen, und es wäre kein Liebesroman, sondern mehr ein Thriller. So unabhängig sie jedoch ist, äußerlich, innerlich hat sich bei ihr auch eine gewisse Abhängigkeit von H1 entwickelt, weil sie sie liebt – auch wenn H2 das vielleicht noch nicht zugibt – und sie nicht verletzen will.

Wenn von Anfang an klar ist, wer wer ist, kann sich da natürlich durchaus auch etwas entwickeln, aber dann will H1 H2 nur von ihrem Traum überzeugen, und H2 müsste dann immer dagegen argumentieren. Da ist die Entwicklung zum Midpoint of Love hin dann gar nicht so einfach.

Deine zweite Idee gefällt mir besser. 👍
Benutzeravatar
Katja
Beiträge: 308
Registriert: Samstag 13. Juni 2020, 11:17

Re: LLP-Roman – Perspektive und Zeitform

Beitrag von Katja »

Es ist schon interessant, wie die Aussicht auf so einen LLP motiviert. 😄 Ich bin ja immer sehr experimentierfreudig – auch wenn die Leserinnen das zum Teil nicht so verständlich finden, wie ich feststellen musste. Das tut mir leid, aber ich möchte eben nicht immer dasselbe schreiben 😕 –, und da dachte ich jetzt, was ist eigentlich mit den Sachen, die bei den bisherigen LLPs immer „verboten“ waren? Oder sagen wir: nicht so gern gesehen.

Ich denke da vor allem an die Ich-Perspektive und an das Schreiben im Präsens. Es gibt ja durchaus einige Romane bei el!es, die so geschrieben sind. Die wurden also sogar von el!es veröffentlicht. Was für mich bedeutet: Ich-Perspektive und/oder Präsens muss nicht immer schlecht sein. Es kommt nur darauf an, wie gut die Autorin das umsetzt.

Für mich wäre es wie gesagt ein Experiment, da ich noch nie einen Roman in der Ich-Form (kann ich mir aber vorstellen) und schon gar nicht im Präsens geschrieben habe. Letzteres kommt mir auch sehr fremd vor. Weshalb ich es gern probieren würde. 😎 Eins davon oder beides zusammen.

Ich habe einige Anfänge geschrieben, um das zu testen, und es als zum Teil anstrengender empfunden, als „normal“ zu schreiben, also in der 3. Person und im Präteritum. Manches läuft allerdings auch leichter, vor allem in der Ich-Perspektive. Präsens ist definitiv eine Herausforderung. Kommt mir recht unnatürlich vor, da ich ja kein Tagebuch schreibe, sondern einen Roman.

Aber das hängt bestimmt auch mit den Leseerfahrungen zusammen, die man so macht. Ich lese normalerweise keine Romane im Präsens, weil das meistens ein Zeichen dafür ist, dass die Autorin nicht besonders gut schreiben kann. Nur meine Erfahrung und Meinung, das muss nicht generell so sein, aber ich habe etliche Leseproben auf Amazon angeschaut von Romanen, die im Präsens geschrieben waren, und die waren alle . . . sagen wir mal nicht besonders gut.

Ich-Perspektive ist etwas anderes. Da gibt es schon einige gute Romane, zum Beispiel auch von Dir, Ruth. 😉
Benutzeravatar
Laura
Beiträge: 219
Registriert: Montag 22. Juni 2020, 07:58

Re: LLP-Roman – Ich-Perspektive - Ich komme!

Beitrag von Laura »

Da sprichst Du eine Sache an, Katja, die mich auch ziemlich umgetrieben hat. Jetzt nicht unbedingt in Bezug auf den LLP, sondern so im Allgemeinen. Mein letztes Buch ist aus der Ich-Perspektive geschrieben, und ich hatte das ursprünglich überhaupt nicht beabsichtigt. 😮

Für diejenigen von Euch, die im Forum waren: Ihr werdet Euch ja noch an meinen Anfang erinnern. Den habe ich damals im Forum geschrieben, und da das an Daphne du Maurier angelehnt war (und auch im endgültigen Roman immer noch ist), war der Anfang in der Ich-Form. Eigentlich wollte ich das gar nicht weiterführen, hatte dann „normal“ weitergeschrieben – in der 3. Person. Aber zum Schluss bin ich dann doch wieder auf die Ich-Form zurückgekommen, weil es mir für dieses Buch einfach irgendwie . . . organischer erschien. Wenn Ihr versteht, was ich meine. 🤔

Es war gar nicht so richtig meine Entscheidung, sondern mehr die Entscheidung des Buches, die Entscheidung der Geschichte. Die wollte so geschrieben werden, und es wäre sehr anstrengend für mich gewesen, das ganze Buch über dagegen anzukämpfen. Es war wie gesagt viel organischer, mich von der Geschichte zur Ich-Form „überreden“ 😉 zu lassen und dann so weiterzuschreiben.

Vielleicht ist das auch bei den anderen Autorinnen, von denen Du gesprochen hast, Katja, der Fall. Für sie ist es organischer, in der Ich-Form zu schreiben oder sogar im Präsens. Das fließt ihnen leichter in die Feder als die Vergangenheitsform, die man so im täglichen Leben ja nicht so benutzt.

Das sagt selbstverständlich noch gar nichts über die Qualität des Buches aus oder über die Qualität der Geschichte. Ich gebe zu, auch mir ist schon aufgefallen, dass manche Autorinnen eine Geschichte so schreiben, als wäre es ihr Tagebuch. Deshalb vermutlich auch im Präsens und in der Ich-Form. Weil es gar keine richtige – keine erfundene – Geschichte ist, sondern ihre eigene.

Wenn die Autorin gut schreiben kann, stört mich das als Leserin aber nicht. Und wenn es eine gute Geschichte ist und nicht nur der Tagesablauf der Autorin. 😎
Antworten